Aktuelles
05.07.2018
Stolpersteinverlegung 2018 in Moers


Stolperstein Wilhelm Jakob Küsters

Verlegung Stolperstein Wilhelm Jakob Küsters

Stolperstein Peter Mill

Verlegung Stolperstein Peter Mill

Stolperstein Hubert Hanßen

Schwiegertochter Hubert Hanßen

Stolperstein Herbert ter Stein

Verlegung Stolperstein Herbert ter Stein

Bläsergruppe

Zuschauer

Am 29. Mai 2018 wurden in Moers zum sechsten Mal hintereinander Stolpersteine verlegt. Nachdem in den Jahren 2013, 2014, 2015, 2016 und 2017 bereits 79 Gedenksteine gelegt wurden, gibt es nun 92 Stolpersteine in Moers.
Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ und die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ trafen wie in den vergangenen Jahren gemeinsam die Vorbereitungen für die Verlegung von 13 Gedenksteinen, die der Kölner Künstler Gunter Demnig, der Begründer des Stolperstein-Projekts, durchführte. Beide Vereine legen Wert darauf, dass jeweils Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Schulformen ein kleines feierliches Programm mitgestalten. Wenn möglich, nehmen auch Familienangehörige der Opfer teil. Beides war auch in diesem Jahr der Fall.

„Erinnern für die Zukunft“ beschäftigt sich seit einiger Zeit damit, die Schicksale von Opfern sogenannter „Euthanasie“morde (Krankenmorde während der NS-Zeit) zu erforschen und zur Erinnerung an diese Menschen Stolpersteine zu verlegen.

Die „Aktion T4“, der auch Peter Mill zum Opfer fiel, fand zwischen 1940 und 1941 statt. Als im Verlauf des 2. Weltkrieges Lazarettbetten benötigt wurden, begann man systematisch, Insassen der „Heilanstalten“ zu deportieren und zu ermorden. Diese sogenannte „Aktion T4“ (nach dem Dienstgebäude Tiergartenstraße 4 in Berlin) gehörte zum umfangreichen nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programm.
Im Rahmen von „T4“ wurden Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten, wie z.B. Bedburg-Hau, in zentrale Anstalten „verlegt“, wo sie am selben Tag ermordet wurden. In diesen sechs Anstalten, eine davon war Hadamar, wurde die systematische Ermordung durch Gas erprobt. Diese Erfahrungen nutzte man später für die Massenvernichtung in Konzentrationslagern. Zur Tarnung erstellten Sonderstandesämter Sterbeurkunden mit gefälschten Todesdaten, damit die massenhafte Ermordung den Angehörigen und der Öffentlichkeit nicht auffiel. In der Regel wurde das Todesdatum um einige Wochen vorverlegt, um für diesen Zeitraum noch das Pflegegeld der Ermordeten einzustreichen.
Nachdem es in der Öffentlichkeit zu einiger Unruhe gekommen war und Kirchenvertreter sich kritisch zu Wort gemeldet hatten, wurde die „Aktion T4“ beendet.
Die Morde wurden jedoch mit anderen Organisationsformen fortgesetzt.
Diese dezentralen Krankenmorde (sogenannte „wilde Euthanasie“) geschahen nun in den Heilanstalten selbst. Die Verantwortung dafür lag bei der jeweiligen Krankenhausleitung. Der Tod wurde durch Gift, Nahrungsentzug und Vernachlässigung bei der Pflege herbeigeführt. Damit die Angehörigen der Kranken möglichst wenig über die Umstände des Todes erfuhren, brachte man die Opfer – oft nach kürzeren Aufenthalten in sogenannten „Zwischenanstalten“ - in weit entfernte Heilanstalten, um sie dort zu ermorden.

Wilhelm Jakob Küsters, im Februar 1919 in der nicht mehr existierenden Königgrätzer Straße geboren, wurde mit 5 ½ Jahren als behindertes Kind, das zwar laufen, aber nicht sprechen konnte, zur Förderung in die Evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt Hephata nach Mönchengladbach gebracht. Da er auf ständige Hilfe und Betreuung angewiesen war, blieb er dort und wuchs heran. Mit 24 Jahren wurde er im Mai 1943 zunächst nach Hildburghausen, kurz darauf in die Anstalt Stadtroda in Thüringen verlegt, wo er - inzwischen schwach und apathisch - am 6.10.1943 „unter den Zeichen der Herzschwäche“ plötzlich verstorben ist. Im Telegramm an seine Eltern stand „Lungenentzündung“.
Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b des Gymnasiums in den Filder Benden erläuterten anhand von Plakaten Grundsätzliches zur Euthanasie sowie die Unterschiede in der Krankenpflege und Förderung behinderter Patienten der damaligen Zeit gegenüber heutigen Behandlungsmethoden, wobei sie auch explizit auf die Lebens- und Leidensgeschichte Wilhelm J. Küsters eingingen. Für die anwesenden Neffen und Familienangehörigen war es ein bewegender Moment.
Peter Mill wurde im Dezember 1910 als 12. Kind in der Wiedstraße 14 geboren. Er war noch keine 2 Jahre alt, als die Mutter plötzlich verstarb und die Kinder sich gegenseitig erziehen mussten. Peter war geistig etwas zurückgeblieben und kam nach der Schulentlassung mit 14 Jahren als Knecht nach Orbroich/Hüls auf einen Bauernhof, anschließend in ein Kloster. 1928 war er wohl auch vorübergehend im Alexianer Krankenhaus Maria Hilf in Krefeld. Genaueres ist nicht bekannt – belegt ist aber, dass er am 27.Mai 1941 im Alter von 30 Jahren mit 89 anderen Patienten aus der Heilanstalt Galkhausen/Langenberg durch die GeKrat (Gemeinnützige Krankentransport GmbH Berlin) nach Hadamar „verlegt“ und noch am selben Tag getötet wurde. Er ist ein Opfer der T4-Aktion (s.o.).
Auch hier haben sich die Schülerinnen und Schüler der 9b des Gymnasiums Filder Benden mit dem Thema auseinandergesetzt: Sie haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Peters Leben hätte verlaufen können, ob das Stolperstein-Projekt sinnvoll sei und in einem fiktiven Gespräch diskutiert, was es sie heute überhaupt noch angehe.
Hubert Hanßen, geboren 1890, wohnte in der Filder Str. 36, heute existiert nur noch Nr. 34. Er arbeitete lange Jahre als Oberkellner in der damaligen „Börse“ am Moerser Altmarkt. Später erkrankte er an Parkinson oder auch - das ist nicht geklärt - an Demenz und konnte deshalb seinen Beruf nicht mehr ausüben. Am 1.3.1943 wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Düsseldorf-Grafenberg eingewiesen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Süchteln-Johannistal brachte man ihn am 4.9.1943 in die Anstalt Ueckermünde in Mecklenburg/Vorpommern, wo er am 17.3.1944 ermordet wurde. Die Urne mit Hubert Hanßens Asche wurde seiner Frau und seinem Sohn ohne Vorankündigung und ohne weitere Erklärung zugestellt.
Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Rheinberg, die sich mit dem „Fall Hubert Hanßen“ beschäftigt haben, beeindruckten zum Schluss ihres Vortrags besonders mit ihren persönlichen Wünschen für eine bessere und friedlichere Welt.
An der Verlegung des Gedenksteins konnte auch noch die 88jährige Schwiegertochter Ingeborg Hanßen teilnehmen, die sich sehr für die nachträgliche Aufarbeitung des Schicksals und die Ehrung Hubert Hanßens bedankte.
Herbert ter Stein (genannt Louven), Jahrgang 1902, arbeitete als Fensterreiniger und wohnte in der Blumenstr. 15. Über seine Lebensumstände ist nicht viel bekannt, jedoch ist sein Leidensweg dokumentiert: 1941 erfolgte die Einweisung nach Grafenberg, am 8.3.1944 wurde er in der Heil- und Pflegeanstalt Schkeuditz bei Leipzig ermordet.
Neben einem erläuternden Vortrag über die sogenannten „Zwischenanstalten“ gaben auch hier Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 des Gymnasiums Rheinberg der Gedenkfeier durch ihre Beiträge einen festlichen Rahmen.

Alle vier Verlegungen wurden durch eine Bläsergruppe unter Leitung von Stefan Büscherfeld musikalisch einfühlsam begleitet.

Der Lehrer Leopold Frohsinn (Jahrgang 1888, Xantener Str. 18) war Kantor der jüdischen Gemeinde und unterrichtete an der einklassigen jüdischen Volksschule in Moers. Er galt als moderner, fortschrittlicher Pädagoge. Mitte 1939 wurde er wie alle jüdischen Lehrer aus dem öffentlichen Dienst entlassen und verlor seinen Beamtenstatus. Die jüdischen Schulen wurden der Reichsvereinigung der Juden, einem jüdischen Verein, unterstellt. Der aber konnte eine so kleine Schule (9 Schüler) nicht finanzieren. Sie wurde deshalb 1939 geschlossen. 1942 wurden Leopold Frohsinn, seine Frau Anna (geb. Hoffmann, Jg. 1897) und ihre Tochter Doris (geb. 1929) in das Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet.
Schülerinnen und Schüler der Pattberg-Realschule würdigten Leopold Frohsinn und seine Familie durch ihre Beiträge. Durch überlieferte Berichte eines Zeitzeugen wurden Eindrücke des täglichen Lebens und Umgangs miteinander vermittelt.
In der Xantener Str. 9 wohnten die Brüder Kaufmann mit ihren Familien. Der jüdische Viehhändler Gustav Kaufmann, geb. 1887, seine Frau Herta, geborene Cohn (1892) und ihr 11jähriger Sohn Heinz wurden 1941 nach Riga deportiert und 1941 bzw. 1942 im dortigen Ghetto ermordet.
Louis Kaufmann, geb. 1894, war Metzger. Er, seine Frau Henny, geb. Marchand (1902) und ihr Sohn Günter (geb.1932) erlitten das gleiche Schicksal wie die Familie des Bruders: Im Zuge derselben Deportation verschleppte man sie nach Riga, wo Henny und Günter 1941 ermordet wurden. Louis Kaufmann wurde später in Auschwitz umgebracht.
Gustav und Louis Kaufmann waren bereits vom 17. November bis 22. Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau in sogenannte „Schutzhaft“ genommen worden.
Das Gymnasium Adolfinum beteiligte sich in diesem Jahr durch sehr interessante Beiträge von Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe; besonders beeindruckend war hier die freie Rede einer Schülerin über den Wert und die Wichtigkeit einer Erinnerungskultur.

Der musikalische Rahmen für die jüdischen Opfer wurde durch Tom Gerstenberg gestaltet – bei den Familien Kaufmann sang er das Lied „Dos kelbl“ („Donna, Donna“) in jiddischer Sprache.

Leider wurden -  zum ersten Mal in Moers – in der Nacht nach der Stolpersteinverlegung drei der Gedenksteine für Euthanasieopfer mit schwarzer Farbe besprüht. Anwohner informierten den Verein und die Polizei. Es wurde Anzeige erstattet und der Staatsschutz Duisburg hat die Ermittlungen übernommen.

Weitere Stolpersteinverlegungen in Moers sind für 2019 geplant.

Rita Hauffe, Renate Irle („Erinnern für die Zukunft“, Moers)